Otto Dix

Eldorado, 1927

Wenn sich der Vorhang zur Seite schiebt, treten Damen in buntgemusterten Kleidern, mit Fächer und Schmuck ausgestattet, herein ins tiefe Rot des Barsalons. Dank Absatzschuhen und falschen Wimpern werden Adamsapfel und breites Kreuz, jene stereotypisch-männlichen Körpermerkmale, erst auf den zweiten Blick erkennbar. Im Berliner Nachtlokal Eldorado erschienen Männer gern geschminkt und mit auffrisiertem Herrenschnitt. 

Die drei Figuren im Aquarell „Eldorado“ begegnen sich in einem reizvollen Spiel von Fetischisierung des Tragens von Damenkleidung und der professionellen Kunst der Damenimitation (auch Travestie, zeitgenössisch Drag genannt). Die Wechselwirkung von Travestie und Transvestismus, d. h. von Verwandlung und Fetisch, bildet bis heute einen entscheidenden Aspekt der schwulen Unterhaltungskultur. Während der historische Begriff ‚Transvestit‘ noch Transgeschlechtlichkeit mitbezeichnete, impliziert er heute einen Lustgewinn am Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung. ‚Drag-Queens‘ verstehen ihr Auftreten zumeist als performative und provokante Kunstpraxis. Beide Aspekte vereinen sich im Crossdressing der 1920er und frühen 1930er Jahre.

Als Berlin zur Metropole avancierte, wurde die Stadt zwischen Exzess und Exitus zum Fluchtpunkt all jener, die den sozialen Zwängen der Provinz entkommen wollten: Trotz Kriminalisierung von männlicher Homosexualität formten jene schwulen, lesbischen und transgeschlechtlichen Menschen eine facettenreiche Subkultur mit einem unverkennbaren Einfluss auf das öffentliche Leben der Stadt. Wer ein Doppelleben führen musste, fand im Nachtleben die gesuchten Freiräume zur ‚sexuellen Entfaltung‘. Die zwei als ‚Transvestitenbars‘ deklarierten Tanzlokale Eldorado waren seit ihrer Eröffnung höchst erfolgreich: Schnell wurde es Mode, mal einen Bummel durch vermeintlich ‚schwule Lokale‘ zu machen. Die Kunst queerer Performer*innen wurde zunehmend Abendunterhaltung eines heterosexuellen Publikums. Curt Moreck lobte das Lokal in seinem 1930 erschienenen „Führer durch das 'lasterhafte' Berlin“ und hebt hervor: „Die Kulisse [...] läßt noch Zweifel: ob Mann, ob Frau?". Die queere Kultur Berlins wurde als etwas Anrüchiges, aber durchaus Interessantes inszeniert und so nunmehr zu einem faszinierenden Thema ‒ auch für heterosexuelle Künstler*innen.

Otto Dix‘ (1891–1969) Interesse, den animalischen Charakter des Großstadtdschungels abzubilden, fand im Voyeurismus des heterosexuellen Publikums im Eldorado eine ergiebige Quelle. Dabei eignete sich die verwendete Aquarelltechnik ideal für das rasche Festhalten der bunten Bar-Eindrücke.

 

Gastautor*in:
Mark Kuhrke
Kunsthistoriker und studentischer Mitarbeiter am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin. Nebenberuflich tätig als Drag-Queen-Performance-Künslter*in mit eigener Band
Pronomen: er/ihm (Mark), sie/ihr (in Drag)

Weitere Werke aus dem Projekt

Rolf von Bergmann

Ohne Titel (Selbstporträt mit Salomé), 1977

Tabea Blumenschein

Dixie Marine, 1995

Rainer Fetting

Selbst als Gustaf Gründgens, 1974

Nan Goldin

Siobhan in my mirror, 1992

Werner Heldt

Meeting (Aufmarsch der Nullen), 1933–1935

Hannah Höch

Porträt Til Brugman, 1927

Gertrude Sandmann

Gruppe IX, 1922

Herbert Tobias

Ohne Titel (Selbstporträt), 1952

Klaus Vogelgesang

Haare unterm Arm, 1971

Ming Wong

Kontakthope, 2010

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