Aufbruch in die Moderne

Prominenz aus dem Stadtmuseum Berlin

Ernst Ludwig Kirchner, Nollendorfplatz, Berlin, 1912,

Ernst Ludwig Kirchner, Nollendorfplatz, Berlin, 1912

© Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin, Repro: Oliver Ziebe, Berlin

Lovis Corinth, Edvard Munch, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner und viele andere – das Stadtmuseum Berlin besitzt herausragende Gemälde prominenter Vertreter*innen der klassischen Moderne. Zwölf Highlights aus dieser hochkarätigen Sammlung sind ab Oktober 2022 zu Gast in der Berlinischen Galerie. In der Dauerausstellung setzen sie  neue Akzente und treten in den Dialog mit den eigenen Werken.
 
Sammlungen zu teilen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, muss ein Prinzip der Museumsarbeit der Zukunft werden. Hintergrund dieser Kooperation sind umfangreiche Renovierungsarbeiten im Märkischen Museum. Ab 2023 schließt das Stammhaus der Stiftung Stadtmuseum Berlin für voraussichtlich vier Jahre. Um auch während dieser Zeit bedeutende Schätze der Gemäldesammlung präsentieren zu können, entstand gemeinsam die Idee, ausgewählte Werke in die Dauerausstellung „Kunst in Berlin 1880-1980“ zu integrieren. Eine besondere Stärke der Sammlung des Stadtmuseums Berlin ist die Kunst der frühen Moderne. 

Die Gemälde, die nun in der Berlinischen Galerie zu sehen sind, stammen von Max Beckmann, Theo von Brockhusen, Lovis Corinth, Ernst Ludwig Kirchner, Walter Leistikow, Max Liebermann, Edvard Munch und Lesser Ury. Sie haben die Kunstszene der Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt und bereichert. 

Ticketkooperation mit dem Stadtmuseum Berlin

Ermäßigung bei Vorlage eines Tickets des Stadtmuseums Berlin (gilt vom 14.10. – 30.12.22). Dieses Angebot gilt auch umgekehrt für das Emphraim-Palais für die Ausstellung „Boem! Paul van Ostaijen in Berlin“.

Moderne in Berlin

Höhepunkt der Präsentation ist das eindringliche Porträt des Industriellen, Kunstsammlers und späteen Politikers Walther Rathenau, das der Norweger Edvard Munch 1907 in Berlin geschaffen hat. Mit Munchs Ankunft in der Reichshauptstadt begann 1892 die Moderne in Berlin. Seine Ausstellung im Verein Berliner Künstler wurde nach wenigen Tagen geschlossen, weil konservative Mitglieder aufs Schärfste gegen seine neuartige Malerei protestierten. Im selben Jahr hatten sich fortschrittliche Kunstschaffende, darunter Max Liebermann und Walter Leistikow, zur „Vereinigung der XI“ zusammengeschlossen, um dem Berliner Publikum die neuesten Tendenzen deutscher Kunst nahezubringen. Auch die Ausstellungen dieser ersten modernen Künstler*innengruppe wurden als Affront gegen den konservativen Kunstgeschmack zur Zeit Kaiser Wilhelms II. empfunden. Aus der „Vereinigung der XI“ ging 1898/99 die „Berliner Secession“ hervor. An deren Ausstellungen nahm in der Folge unter anderem auch Munch regelmäßig teil.

„Secessionen“

Die „Berliner Secession“ verfolgte ehrgeizige Ziele. Vergleichbar mit den „Secessionen“ in München und Wien, brachte sie in Berlin den Aufbruch in die Moderne: In übersichtlichen, sorgfältig gehängten Präsentationen sollte eine Auswahl der besten Werke der Zeit vorgestellt werden. Im Fokus standen aktuelle Arbeiten deutscher Künstler*innen, aber auch Klassiker der jüngeren Vergangenheit und bedeutende Werke europäischer Kolleg*innen. Stilistisch umfassten die Ausstellungen der „Berliner Secession“ ein breites Spektrum von Naturalismus über Symbolismus und Jugendstil bis hin zu Impressionismus und Pointilismus.

Um 1910 fand ein Paradigmen- und Generationenwechsel statt. Streitigkeiten zwischen Vertreter*innen des aufkommenden Expressionismus und den bereits etablierten Künstler*innen spalteten die „Berliner Secession“. 1910 gründete sich die „Neue Secession“, 1914 die „Freie Secession“. Auch sie bildeten in Berlin eine starke Gegenbewegung zum akademischen Ausstellungsbetrieb.

Podcast zur Ausstellung

Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie, spricht mit dem Direktor des Stadtmuseums Paul Spies über die Idee von „Shared Collections“, die Herausforderungen des Sammelns und Entsammelns und eines seiner Lieblingswerke, das nun in der Berlinischen Galerie präsentiert ist.

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Porträts und Selbstbildnisse – Edvard Munch, Lovis Corinth, Max Beckmann

Über das Walther Rathenau-Porträt von Munch hinaus versammelt die Präsentation mehrere Bildnisse von Lovis Corinth. Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens, wie der einflussreiche Journalist Alfred Kerr (1907), standen ihm ebenso Modell wie seine Schülerin und spätere Ehefrau Charlotte Berend (1902). Sie und ihr Mann waren Mitglieder der „Berliner Secession“ und nahmen regelmäßig an deren Ausstellungen teil. Auch herausragende Künstler*innenbildnisse aus dem Stadtmuseum Berlin sind vertreten. Corinth malte spätestens ab 1900 jedes Jahr zum Geburtstag ein Selbstporträt. In diesem Jahr zog er auch von München nach Berlin, um hier Karriere zu machen.

Ein Selbstbildnis von Max Beckmann (1910/11) zeigt ihn im Alter von 27 Jahren. Der Künstler malte es vermutlich als Reaktion auf eine negative Ausstellungsbesprechung des Berliner Tageblatts von 1910, die ihn hart traf. Darauf deutet die Zeitung in seiner Hand hin, mit der er sich spöttisch-selbstbewusst lächelnd inszeniert.

„Freilichtmalerei“ – Walter Leistikow, Max Liebermann, Theo von Brockhusen

Um 1900 gehörte Walter Leistikow zu den gefragtesten Maler*innen Berlins. Als engagierter Netzwerker war er eine treibende Kraft in der Avantgardeszene der Stadt. Vor allem seine Landschaftsbilder wie „Abendstimmung am Schlachtensee“ (um 1895) standen für eine neue, moderne Kunstauffassung. Wie die Impressionist*innen malte Leistikow oft direkt vor dem Motiv, zumeist im Berliner Umland mit seinen zahlreichen Seen.

Max Liebermanns „Badende Knaben“ wurde kurz nach Entstehung im Jahr 1900 auf der II. Ausstellung der „Berliner Secession“ ausgestellt und für die Lebendigkeit der Darstellung gelobt. Liebermanns „Freilichtmalerei“ inspirierte Theo von Brockhusen, der sich seit 1908/09 motivisch auf die reizvolle Havellandschaft um Baumgartenbrück am Schwielowsee konzentrierte, so auch im Gemälde „Wind an der Havel“ (um 1914), das seine enge Verbindung zum Werk von Vincent van Gogh erkennen lässt.

Nollendorfplatz – Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Lesser Ury

Gleich mehrere Künstler widmeten sich in ihren Stadtansichten dem Berliner Nollendorfplatz. In den Wintermonaten der Jahre 1910 bis 1914 lebte dort in der Hausnummer 6 der Künstler Max Beckmann mit seiner Frau Minna Beckmann-Tube. Aus seinem Atelierfenster blickte er auf den nordwestlichen Teil des Platzes. Ernst Ludwig Kirchners Ansicht des Nollendorfplatzes entstand 1912. Der Expressionist und Gründungsmitglied der Künstlergruppe „Brücke“ zog 1911 von Dresden nach Berlin und malte hier zahlreiche Straßenszenen, mit denen er auf das Erleben der Großstadt reagierte. Lesser Urys „Bahnhof Nollendorfplatz bei Nacht“ von 1925 ist dagegen noch ganz dem Impressionismus verpflichtet. Als Maler des modernen Großstadtlebens wurde Ury schon vor 1900 für seine atmosphärischen Nachtdarstellungen geschätzt.

Künstler

Max Beckmann (1884 Leipzig – 1950 New York)
Theo von Brockhusen (1882 Marggrabowa, heute Olecko/Polen – 1919 Berlin)
Lovis Corinth (1858 Tapiau/Ostpreussen, heute Gwardeisk/Russland – 1925 Zandvoort)
Ernst Ludwig Kirchner (1880 Aschaffenburg – 1938 Davos)
Walter Leistikow (1865 Bromberg, heute Bydgoszcz/ Polen – 1908 Berlin)
Max Liebermann (1847 Berlin – 1935 Berlin)
Edvard Munch (1863 Løten – 1944 Oslo)
Lesser Ury (1861 Birnbaum, heute Międzychód/ Polen – 1931 Berlin)

Kooperationspartner