Onlinepräsentation

Schau mich an!

Die Ausstellung „Schau mich an! Frauenporträts der 1920er Jahre“ stellt mit 24 Werken die vielfältige Praxis der Porträtfotografie im Berlin der Zwanziger Jahre vor: konventionelle und moderne Aufnahmen gewerblicher Fotoateliers werden künstlerischen und experimentellen Fotografien und Collagen gegenübergestellt. Diese Onlinepräsentation gewährt einen ersten Blick in die Ausstellung und stellt einige ausgewählte Künstler*innen und die auf den Fotografien abgebildeten Personen vor.

Cami Stone, Ohne Titel (Carola Neher), 1920–1930
Cami Stone, Ohne Titel (Carola Neher), 1920–1930
© Rechtsnachfolge unbekannt

Steffi Brandl, Die Schauspielerin Anna May Wong, Berlin 1928

Steffi Brandl (1897–1966) führte ein erfolgreiches Fotoatelier, das sich auf Porträts spezialisierte, die auch in den verschiedenen Zeitschriften der 1920er Jahre publiziert wurden. In Wien begann sie 1921, nach ihrem Studium an der „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt“, zunächst eine Lehre im international bekannten Fotoatelier von Trude Fleischmann. Schon während dieser Zeit entwickelte sie ihre eigene, unabhängige Bildsprache und eröffnete im Mai 1926 ihr erstes eigenes „Atelier für photographische Bildnisse“ am Kurfürstendamm in Berlin.

Die Porträtaufnahmen, die Steffi Brandl von Anna May Wong anfertigte, zeugen vom Werdegang zweier erfolgreicher, unabhängiger Geschäftsfrauen: Anna May Wong (1905–1961) gilt als die erste amerikanische Schauspielerin asiatischer Herkunft, die zu internationalem Ruhm aufstieg. Trotz zahlreicher Filme in Hollywood kehrte sie der durch starken Rassismus geprägten amerikanischen Filmwelt 1928 den Rücken und ging nach Berlin. Grund dafür war vielleicht, dass in Deutschland bis dato aus China migrierte Frauen und Schauspielerinnen im öffentlichen und medialen Leben kaum vertreten und sichtbar waren. Hier wurde ihr das zu Teil, was ihr Amerika verwehrte: die Aufmerksamkeit und Bewunderung als großer Hollywood-Filmstar.

Weitere Werke von Steffi Brandl in der Ausstellung

Frieda Riess, Rosamond Pinchot, 1920–1930

Wollte man sich im Berlin der 1920er Jahre in einem der zahlreichen, meist von Frauen geführten Fotoateliers porträtieren lassen, führte kein Weg an „der Riess“ vorbei, wie Frieda Riess (1890–1957) ehrfürchtig genannt wurde. Wie zahlreiche andere Frauen absolvierte sie von 1913 bis 1915 eine fotografische Ausbildung an der „Photographischen Lehranstalt“ des Berliner „Lette Verein“ und eröffnete schon 1917 ihr eigenes Atelier am Kurfürstendamm. Unweit davon befand sich das „Romanische Café“, ein Sammelsurium und Querschnitt der damaligen künstlerischen und intellektuellen Kreise, die sich als Stammpublikum verstanden und den berühmt berüchtigten Ruf des Cafés prägten. Dieser Ort bedeutete für Frieda Riess eine nicht enden wollende Inspiration und vor allem Kundschaft. Ihre feinfühlige Bildsprache zeigt sich meisterhaft im Porträt der amerikanischen Schauspielerin Rosamond Pinchot (1904–1938), die in jungen Jahren von Max Reinhardt entdeckt wurde und in kürzester Zeit zu „the loveliest woman in America“ avancierte. Dass dieser schnelle und kurze Erfolg auch seine Schattenseiten hatte, scheint in der beinahe fragil wirkenden Porträtfotografie, die Frieda Riess von ihr anfertigte, schon angedeutet. 

Combi-Phot.-Verfahren: Marta Astfalck-Vietz und Heinz Hajek-Halke, Marta Astfalck-Vietz, um 1927

Schon in der Studienzeit an der Kunstgewerbeschule in Berlin und während der darauf folgenden „Photo-Fachausbildung“ im Atelier von Lutz Kloss (Unter den Linden), lernt Marta Astfalck-Vietz (1901–1994) den Fotografen Heinz Hajek-Halke (1898–1983) kennen. Ihre kreative Zusammenarbeit sollte über Jahre hinweg bestehen und ihre Arbeiten gegenseitig beeinflussen. Sie experimentierten gemeinsam mit neuen komplexen Bildgebungsprozessen und entwickelten schließlich das von Heinz Hajek-Halke bezeichnete „Combi-Phot.-Verfahren“ weiter. Dieses aufwändige Verfahren ermöglichte es, durch Mehrfachbelichtungen, Sandwichtechniken (übereinander kopieren von Negativen) oder chemischen Schichtablösungen und Transfers von einem Glasnegativ auf ein zweites, neue Effekte zu erzielen. Die Ergebnisse interpretieren auf innovative Weise psychologische Themen und gesellschaftspolitische Zustände der 1920er Jahre: Einsamkeit, Gewalt und Alkoholismus waren zum Beispiel Gegenstand der surrealen Selbstinszenierung wie bei dem rauchig vernebelten Bildnis einer traurigen Trinkerin (um 1927) oder bei „Selbstmord in Spiritus“ (um 1927).

Weitere Werke von Marta Astfalck-Vietz in der Ausstellung

Raoul Hausmann, Petite Fleur en Herbe, 1932

Von seiner künstlerischen Ausbildung, die von einer akademisch-klassischen Kunstauffassung geprägt war, wandte sich der spätere Dadasoph Raoul Hausmann (1886–1971) 1912 ab. Er schloss sich den experimentellen und vor allem expressionistischen Künstler*innenkreisen an, die unter den Namen „Die Brücke“ und „Der Sturm“ firmierten. Gemeinsam mit anderen Kolleg*innen gründete er 1918 schließlich den Berliner „DADA Club“ und präsentierte bei dortigen Veranstaltungen und Ausstellungen seine Manifeste und Lautgedichte.  

Gemeinsam mit Hannah Höch (1889–1978) entwickelte er bei einem Aufenthalt auf der Insel Wollin (1919) die Fotomontage. Diese prominente Technik der 1920er Jahre diente als künstlerisches Ausdrucksmittel der manchmal mehr oder weniger expliziten Gesellschaftskritik. Raoul Hausmann verarbeitet in der Fotomontage „Petite Fleur en Herbe“ (1932) eine seiner eigenen Fotografien. Hierfür schnitt er aus „Petite Paysanne“ (1931) das Gesicht eines jungen Mädchens mit strahlender, faltenloser Haut aus und setzte es umgekehrt, die Stirn unten, das Kinn oben, auf die im Vergleich übergroße, das Gesicht umstrahlende Fotografie einer Gräserblüte.

Atelier Gerstenberg (früher Dührkoop), Die Schauspielerin Tilla Durieux, 1920–1930

Um 1929 übernahm der Fotograf Gerstenberg das Fotoatelier Dührkoop am Kurfürstendamm 235. Es war damals durchaus üblich, dass mit der Übernahme fotografischer Ateliers auch der Zugriff auf den alten Negativbestand gewährleistet war. So kommt es, dass das klassische Sitzporträt der österreichischen Schauspielerin Tilla Durieux (1880–1971) im strengen Profil auf der Vorderseite die Signatur „Dührkoop“ aufweist, auf der Rückseite und in zeitgenössischen Publikationen aber mit der Urheberschaft „Atelier Gerstenberg (fr. Dührkoop)“ versehen ist. 

Unter all den berühmten Persönlichkeiten und Schauspieler*innen der Zwanziger Jahre durfte Tilla Durieux, die 1903 mit der Rolle der Salome am Neuen Theater in Berlin ihren Durchbruch feierte, nicht fehlen. Ihr zweiter Ehemann Ludwig Katzenellenbogen gab beim Maler Lovis Corinth einen Gemäldezyklus, u.a. mit Szenen der Odyssee, in Auftrag, von dem sich sechs Tafeln im Bestand der Berlinischen Galerie befinden und im Rahmen der Sammlungspräsentation gezeigt werden. 

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