Digitales Modell: Das Modell zeigt ein bewachsenes Gebäudes, dessen beide Hälften jeweils eine Jahreszeit, Sommer und Winter, darstellen. Auf dem Vorplatz des Gebäudes sind kleine Grüppchen oder einzelne Personen zu sehen.

Closer to Nature

Bauen mit Pilz, Baum, Lehm

Erfahren Sie mehr über historische Hintergründe, Arbeitsweisen und die Protagonist*innen dreier Ansätze einer zukunftsweisenden Architektur: Pilzforschung, Baubotanik und Lehmbau.

Architektur und Natur im Widerstreit

Die ursprünglichste Funktion der Architektur ist, gegen natürliche Einwirkungen wie Witterung oder wilde Tiere zu schützen. Sie sollte also seit jeher die Natur zurückdrängen, überwinden oder im besten Falle nutzbar machen. Es ist ein tiefgreifender Konflikt, der sich auch an der Architektur der westlichen Moderne ablesen lässt: Die Gebäude stehen allem Organischen, Gewachsenen völlig fremd und wie isoliert gegenüber.

Eine Stadt! Sie ist die Beschlagnahme der Natur durch den Menschen. Sie ist eine Tat des Menschen wider die Natur.

Le Corbusier, Architekt, 1925

Kritik und Gegenentwürfe

Kritik und Gegenentwürfe gab es immer wieder. In den 1980er Jahren entwickelte sich insbesondere in Berlin eine ökologische Architekturbewegung. Sie setzte auf Naturbaustoffe und versuchte, Gebäude stärker in ihre Umwelt zu integrieren, Sonnenenergie und Regenwasser zu nutzen, mit vorgefundener Vegetation behutsam umzugehen und diese mit den Bauten zu verbinden.

Mit der Internationalen Bauausstellung 1984/87 wurde der ökologische Stadtumbau zum ersten Mal thematisiert. Nach der Wiedervereinigung 1989/90 gerieten in Berlin ökologische Fragen mehr und mehr aus dem Blickfeld.

Inken Baller, Architektin, 2019

Bauen mit,
statt gegen die Natur

Das Verhältnis von Architektur und Natur bestimmt bis heute zuallererst die Konkurrenz um Raum und Ressourcen. Doch ein Perspektivwechsel scheint angezeigt. Entdecken Sie drei Beispiele, diese Beziehung anders zu denken: Bauen mit, statt gegen die Natur.

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Pilzforschung

Immer wieder haben sich in Kunst und Architektur ganz bestimmte Materialien besonderer Beliebtheit und Aufmerksamkeit erfreut. Folgt auf Glas, Beton und Plastik nun der Pilz? Um die Lebewesen, die unsichtbar unseren Alltag mitbestimmen, hat sich ein regelrechter Hype entwickelt. Vor rund zehn Jahren begannen Künstler*innen und Designer*innen, mit Pilzen in der Architektur und beim Möbelbau zu experimentieren. Seither ist die weltweite Gemeinschaft der Pilzbegeisterten ständig gewachsen – und die Forschung an neuen, nachhaltigen Pilzprodukten intensiver geworden.

Wenn wir dieses Material verwenden, können wir viele Holzverbundplatten, viele Kunststoffarten, viele noch undenkbare Werkstoffe ersetzen. Es ist wohl eine Unvermeidlichkeit: das Zeug wird sehr gefragt sein.

Phil Ross, Künstler, 2014
Foto: Eine Gruppe von Personen steht in einem Wald und blickt frontal in die Kamera.

Das Kollektiv MY-CO-X im Brandenburger Wald, 2021

© Martin Weinhold
Foto: Zwei Hände in hellblauen Laborhandschuhen halten ein mit einer weißlichen Schicht überwachsenes Pilz-Bauelement.
© Martin Weinhold

Baustoff von morgen

Das Berliner Wissenschafts-Kunst-Kollektiv MY-CO-X hat mithilfe des heimischen Zunderschwamms ein Baumaterial entwickelt, das statt Rohstoffe zu verbrauchen Abfallprodukte verwertet. Dazu verbindet sich Myzel – das unterirdische Zellengeflecht eines Pilzes – mit organischem Material wie Hanf oder Sägespänen. Hitze stoppt das Wachstum des Pilzes. Der im Labor erzeugte Verbundstoff weist bereits eine Reihe positiver Eigenschaften auf. An anderen, wie etwa seiner Witterungsbeständigkeit, wird noch geforscht.

MY-CO SPACE

2021 konnte MY-CO-X einen ersten Experimentalbau realisieren: MY-CO SPACE – eine mobile Behausung zum Schlafen, Wohnen und Arbeiten. Die Holzkonstruktion des etwa 20 Quadratmeter großen Hauses ist mit 300 Paneelen verkleidet. Sie sind mit dem vom Kollektiv entwickelten Verbundstoff aus Pilzmyzel und Hanfschäben gefüllt.

Bauen mit Pilzen

Baubotanik

Das Stuttgarter OLA – Office for Living Architecture entwirft und realisiert Gebäude, für die lebende Bäume ein integraler Bestandteil sind. Diesen Ansatz, aus dem Verschmelzen natürlicher und technischer Elemente hybride Bauten zu schaffen, nennt das Büro Baubotanik. Das Bauen mit lebender Natur ist seit Jahrhunderten und bis heute gleichermaßen Realität, architektonische Vision und konstruiertes Ideal.

Lebendes Baumaterial

Seit etwa 1000 Jahren formen die Khasi, indigene Bewohner*innen im Nordosten Indiens, aus den Luftwurzeln des Gummibaums Brücken. Diese lebenden Brückenbauwerke machen Flüsse und Täler passierbar und sind erdbebensicher. Sie werden über Generationen gepflegt und ausgebaut.

In Europa leitete man das Wachstum von Linden, um sie zu öffentlichen Orten dörflicher Bräuche auszubauen. In den Baumkronen wurde getanzt und gefeiert. Diese sogenannten Tanzlinden bildeten oft den Mittelpunkt von Dörfern. 2017 wurde auf dem Tempelhofer Feld in Berlin eine Tanzlinde gepflanzt.

Der Berliner Landschaftsarchitekt Arthur Wiechula glaubte in den 1920er Jahren aus lebenden Bäumen mehr oder minder problemlos Gebäude jedweder Art bauen zu können. Das Wachstum der Bäume wollte er so beeinflussen, dass diese miteinander verwachsen und geschlossene Räume bilden. Keine von Wiechulas abenteuerlichen Bauideen wurde allerdings je verwirklicht. 

Eine eurozentristische und evolutionistisch gefärbte Perspektive verklärte das naturnahe Bauen lange als verlorener Urzustand. In der „Urhütte“ – gebaut aus allein natürlichen Materialien und mit einfachsten Methoden – sah die europäische Architekturtheorie besonders des 18. Jahrhunderts den Anfang der menschlichen Kulturtechnik, bewohnbare Räume zu schaffen. Dieses zwiespältige Idealbild zeigt sich in einer architektonischen Abhandlung von 1753 als eine in den natürlichen Baumbestand hineingebaute „Urhütte“.

Die Baubotanik hat mich unmittelbar fasziniert. Sie bringt zwei Dinge zusammen, die man für unvereinbar hält: das Tragwerk eines Gebäudes, das natürlich statisch gedacht wird, und den Baum, der wächst und sich somit dynamisch verhält. Das hat meinen Architekturbegriff erweitert.

Ria Stein, Lektorin, 2024

Wandelbare,
nie vollendete Bauten

Im Baubotanischen Steg, den Ferdinand Ludwig mit Oliver Storz und Cornelius Hackenbracht 2005 anlegte, spielt die Natur wortwörtlich tragende Rolle: Etwa 2,5 Meter über dem Boden lastet auf zwei Reihen von Weiden eine 22 Meter lange, begehbare Plattform. Der über die Jahre gewachsene Experimentalbau demonstriert das Wesen baubotanischer Architekturen: Sie verändern sich ständig und sind nie vollendet.

Schematische Darstellung des Prinzips der Pflanzenaddition

Schematische Darstellung des Prinzips der Pflanzenaddition

© OLA
Foto: Verwachsen von Baum und Bauwerk, 2011
© Foto: Cira Moro

Manipulation pflanzlicher Fähigkeiten

Die Baubotanik basiert auf alten gärtnerischen Techniken zur Lenkung des Pflanzenwachstums. Dabei werden die Fähigkeiten der Pflanzen, etwa miteinander zu verwachsen und Wunden zu schließen, auch gezielt manipuliert. So schafft die Baubotanik aus einer Vielzahl von Bäumen große, belastbare und dennoch lebensfähige Strukturen und provoziert das Verwachsen mit den technischen Elementen eines Gebäudes.

Ihre ungewohnten Formen und brutal anmutenden Verbindungen mit toten Materialien werden bei Vielen ein nachhaltiges Befremden hervorrufen

Prof. Dr. Gerd de Bruyn, Architekturhistoriker, 2009

Das Verhältnis von
Architektur und Natur neu gestalten

Lehmbau

Lehm ist neben Holz einer der ältesten und meistgenutzten Baustoffe überhaupt. Zu Backsteinen gebrannt war er noch vor weniger als hundert Jahren auch in Europa omnipräsent. Dann wurde das Material weitestgehend vom Beton verdrängt. Dabei bietet insbesondere das Bauen mit gestampftem Lehm, die sog. Pisé-Bauweise, ganz wesentliche Vorteile: Sie erfordert nur ein Minimum an Energie, ihr Material – Erde – ist nahezu überall verfügbar und produziert wenig Abfälle. Im Unterschied zu den meisten Baustoffen kann Lehm einfach wieder in die Umwelt zurückgeführt werden.

Lehmbauten sind nicht nur von besonderer Schönheit, sondern vor allem eines: nachhaltig.

Anna Heringer, Künstlerin und Architektin, 2023

Tradition und Moderne

Der österreichische Lehmbaukünstler Martin Rauch ist ein Pionier des modernen europäischen Lehmbaus. Seit mehr als 30 Jahren hat er maßgeblichen Anteil an der Widerbelebung und auch Erneuerung dieser alten Tradition. Sein in Vorarlberg ansässiges Unternehmen produziert inzwischen in großem Maßstab Fertigteile aus Stampflehm – Rauch überführt die Pisé-Bauweise in die Serienproduktion! Dafür wurde eigens eine Maschine entwickelt, die das Stampfen von Hand ersetzt und die Produktion damit wesentlich beschleunigt.

Bauen mit Lehm

Die Medienstation

Konzept und Texte: Ursula Müller und Nils Philippi, Berlinische Galerie
Design und technische Umsetzung der Website: 3pc
Interviewführung und Videoproduktion: 3B-Produktion
Übersetzung: Kate Vanovitch
Projektmanagement: Linus Lütcke, Berlinische Galerie
Mitarbeit: Sarah Marcinkowski, Berlinische Galerie

 

 

Die Projekte

Lehm Ton Erde Baukunst – Martin Rauch
OLA Office for Living Architecture
MY-CO-X