Virtueller Videoraum

In unserem neuen virtuellen IBB-Videoraum zeigen wir ausgewählte Video-Arbeiten aus dem aktuellen Programm und aus der Sammlung der Berlinischen Galerie. Film ab!

Gernot Wieland, Thievery and Songs, 2016
Videostill: Gernot Wieland, Dancer Sitting, Thievery and Songs, 2016
© Gernot Wieland, Courtesy the artist and Belmacz

Gernot
Wieland

Thievery and Songs
(2016, 22:40 Min.)

Gernot Wielands künstlerische Praxis konzentriert sich in den letzten Jahren vor allem auf die Bereiche Video und Lecture Performance. In seinen Arbeiten verbindet er oft historische Ereignisse mit scheinbar persönlichen Erinnerungen, wobei Fakt und Fiktion ineinander übergehen. Dabei entstehen komplexe Erzählungen, die ausgehend vom Privaten wie beiläufig den Zustand einer Gesellschaft skizzieren.

Thievery and Songs [dt. Diebstahl und Gesänge] besteht aus mehreren ineinander verschachtelten Erzählsträngen, die sich einer Hierarchisierung entziehen. Ein weitgehend emotionsloser Erzähler berichtet von dem Verlauf seiner psychoanalytischen Sitzung, bei der sich der Therapeut eher durch seine Obsession für die österreichische Herkunft seines Patienten als durch fachliche Kompetenz auszeichnet. Er beschreibt die erschütternde Geschichte seiner Großtante, die in den 1930er Jahren als Leibeigene eines nationalsozialistisch gesinnten Landwirts dessen Willkür ausgesetzt war. Seine Ausführungen zeigen Parallelen zwischen der österreichischen Nachkriegskunst und dem Katholizismus auf und sind in eine Rahmenerzählung um eine jüdische Tänzerin eingebettet, die 1938 nach Mumbai fliehen musste. Neben selbstgedrehten Performances sind adaptierte Fotos, Knetmodelle und Zeichnungen zu sehen, die das Gehörte zum Teil visualisieren, zum Teil auf absurde Weise brechen. Außer einer Reflexion über Österreich erlaubt der Film so auch eine Auseinandersetzung mit grundsätzlicheren Fragen nach Erinnerung, Geschichtsschreibung und Identitätsbildung. Er ist geprägt von einem leisen Witz, der stets nah an der Melancholie liegt.

Biografie

Gernot Wieland wurde 1968 in Horn (Österreich) geboren. Er studierte an der Universität der Künste, Berlin, und der Akademie der bildenden Künste, Wien. Seine Filme waren u.a. auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam, im Kasseler Kunstverein, im Kunsthaus Graz und der Liverpool Biennale zu sehen. Wieland erhielt neben verschiedenen anderen Auszeichnungen zuletzt den EMAF Medienkunstpreis 2019 der Deutschen Filmkritik. Er lebt in Berlin.

Eli
Cortiñas

Biografie

Eli Cortiñas ist ein Videokünstlerin kubanischer Abstammung, die 1979 in Las Palmas de Gran Canaria geboren wurde. Sie war Gastprofessorin an der Kunstakademie Kassel und der Kunstakademie Mainz und hat derzeit eine gemeinsame Professur für "Spatial Concepts" mit Prof. Candice Breitz an der Hochschule der Künste Braunschweig (HBK). Cortiñas wurde mit zahlreichen Stipendien und Residenzen ausgezeichnet, u.a. Fundación Botín Grant, Kunstfonds, Villa Massimo, Film-/Video-Stipendium des Berliner Senats, Villa Sträuli, Goethe-Institut, Kölnischer Kunstverein, Rupert und Karl-Schmidt-Rottluff. Ihre künstlerische Praxis lässt sich innerhalb der Aneignungstradition verorten, indem sie bereits existierendes Kino nutzt, um Identitäten sowie Erzählungen nach neuen Diskursen zu de - und rekonstruieren. In ihren collageartigen Video-Essays und Installationen vermischt sie vorgefundenes Bildmaterial mit dokumentarischen Strategien. Ihre Arbeit wurde in Einzel- und Gruppenausstellungen in Museen wie dem Museum Ludwig, der Kunsthalle Budapest, dem CAC Vilnius, der SCHIRN Kunsthalle, SAVVY Contemporary, dem Museum Marta Herford, dem Kunstraum Innsbruck, dem Centro Atlántico de Arte Moderno, dem Centre Pompidou, dem Museum für Moderne Kunst Moskau, dem Kunstmuseum Bonn und dem MUSAC u.a. präsentiert, sowie bei internationalen Biennalen und Festivals wie der Rigaer Biennale, der Moskauer Internationalen Biennale für junge Kunst, der Mardin Biennale, den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, der Internationalen Curtas Vila Do Conde und dem Nashville Film Festival. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Quella che camina, 2014

Ausgangspunkt dieser Arbeit ist der Charakter einer alternden römischen Prostituierten aus Carlo Lizzanis Beitrag Amore che si paga für den neorealistischen Episodenfilm L’amore in città (1953). Gleichwohl verwendet Cortiñas hier im Gegensatz zu ihrer Arbeitsweise in vorangegangenen Videos hauptsächlich selbstgefilmtes Material. Eine zentrale Rolle spielen dabei auch selbstgebaute skulpturale Konstruktionen, mit deren Hilfe die Übertragung eines tatsächlichen Objekts in sein filmisches Pendant ausgelotet wird. Cortiñas entwickelt daraus in Kombination mit Found Footage eine assoziative Bild- und Soundmontage, mit der sie sich selbst als Frau, Arbeiterkind, Tochter und Künstlerin hinterfragt.

Die Arbeit „Quella che camina, 2014“ wurde vom 4.11.15 – 30.11.18 im IBB-Videoraum in der Berlinischen Galerie gezeigt.

Dani
Gal

Hegemon, 2017

Wenige Wochen bevor Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde, reiste Dani Gal nach Washington D.C., um Expert*innen zur amerikanischen Außenpolitik zu interviewen. Sie vertreten ein breites politisches Spektrum und sind ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter*innen von Think Tanks, Militärbüros oder der CIA. Die Interviews, in denen es um Themen wie amerikanische Kriege, den Islam, die Beziehungen zwischen Militär und Rüstungsindustrie, CyberSicherheit und das Verständnis von Freiheit geht, fungieren als Soundtrack für Videoaufnahmen eines Tages in Washington, D.C.

Die Aufnahmen der Stadt wirken alltäglich, gar banal. Denkmäler werden mit der gleichen Aufmerksamkeit wie die Natur oder Menschen bedacht. Diese Art, die Stadt zu filmen, stellt eine Alternative zu der oft üblichen, ikonisch bis imperialistisch anmutenden Repräsentation der amerikanischen Hauptstadt im Kino dar.

Unaufgeregte Bilder werden den zum Teil widersprüchlichen Meinungen der Gesprächspartner*innen gegenübergestellt: Einige betreiben zu bestimmten Themen Lobbyarbeit, die von anderen scharf kritisiert wird. Das Publikum kann sich so ein eigenes Bild machen und entscheiden, ob es Amerika als Hegemonialmacht oder als Weltmacht in der Krise verstehen möchte.

Während des Filmens wurden elektromagnetische Felder in der Stadt als Sound aufgenommen, der unter die Umgebungsgeräusche gemischt wurde. Diese Töne, die nur mittels spezieller Geräte wahrgenommen werden können, werden von Gal als Metapher für die mannigfaltige unsichtbare Einflussnahme begriffen, die das entstehen lässt, was als die „amerikanische Macht“ bezeichnet wird.

Die Arbeit „Hegemon, 2017“ wurde vom 17.1.18 – 26.2.18 im IBB-Videoraum in der Berlinischen Galerie gezeigt.

Biografie

Dani Gal wurde 1975 in Jerusalem geboren und lebt in Berlin. Er studierte an der Bezalel Academy for Art and Design, Jerusalem, der Städelschule Frankfurt und der Cooper Union, New York. Seine Werke waren bereits auf zahlreichen Ausstellungen weltweit zu sehen, u.a: Documenta 14, 54. Venedig-Biennale (2011), Istanbul Biennale (2011), The New Museum New York (2012), Kunsthalle St. Gallen Swizerland (2013), The Jewish Museum New York (2014), Berlinale Forum Expanded (2014), Kunsthaus Zürich (2015) Kunsthalle Wien (2015), Documenta 14 (2017), Centre Pompidou (2018).

Adnan
Softic

Bigger Than Life
(2018, 30 Min.)

Adnan Softić ist Bildender Künstler, Regisseur und Autor. In seiner Arbeit Bigger Than Life (2018, 30 Min.) widmet er sich dem Stadtentwicklungsprojekt „Skopje 2014“: Seit 2010 entstand in Mazedoniens Hauptstadt ein neues, „antikes“ Zentrum. Die Stadt sollte nach dem Willen der Regierung als Wiege der antiken Hochkultur und Ursprung Europas inszeniert werden. Es wurden zahlreiche Regierungsgebäude und Museen wie auch Monumente in klassischer Anmutung errichtet, bestehende Häuser – so auch zum Teil sozialistische Gebäude der 1960er Jahre – wurden mit Säulen, Balustraden etc. „antikisiert“. Softić reagiert auf dieses so gigantische wie problematische Vorhaben mit einem Musikfilm: In vier Akten führt er den imperialen Gestus, der dem Bauvorhaben innewohnt, ebenso humvorvoll wie präzise vor. Pathos wird mit Pathos begegnet und ironisch inszeniert. Neben glanzvollen, ja kitschigen Aufnahmen der neuen Bauwerke stehen Szenen, in denen ihre Kulissenhaftigkeit überdeutlich wird. Softić zeigt, wie Geschichte gemacht wird, und wie die Kontrolle einer (imaginierten) Vergangenheit einhergeht mit dem Wunsch, Gegenwart und Zukunft zu beherrschen. Er fragt, inwiefern die Antike etwas mit dem heutigen Europa zu tun hat, und wer überhaupt ein Recht auf Geschichtsschreibung hat. Denn die ethnische und kulturelle Vielfalt, die Mazedonien prägt, wird durch diese städtische Umgestaltung ausgeblendet. Es wird eine lineare, homogene Geschichte erzählt, die einen Großteil der Bewohner*innen des Landes ausschließt.

Die Arbeit Bigger Than Life (2018, 30 Min.) wurde vom 3.10.18 – 29.10.18 im IBB-Videoraum in der Berlinischen Galerie gezeigt.  

Biografie

Adnan Softic wurde 1975 in Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) geboren. Er studierte Film und Ästhetische Theorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, wo er auch eine Gastprofessur für Film und Zeitbezogene Medien innehatte. Softić erhielt verschiedene Preise und Stipendien, zuletzt das renommierte Villa Massimo-Stipendium. Bigger Than Life wurde im Jahr 2018 mit dem 3sat-Förderpreis der Kurzfilmtage Oberhausen ausgezeichnet.

Elke
Marhöfer

Is there someting else I’ve lost? (2011, 35 Min.)

Elke Marhöfers Filme lassen sich keinen etablierten Genres zuschreiben; die Künstlerin hat eine ganz besondere visuelle Sprache entwickelt. In ihren Arbeiten finden sich weder lineare Erzählweisen noch feste Protagonisten. Vielmehr bemüht sich Marhöfer um Erzählungen, die als Gegenentwurf zu anthropozentrischen, also mensch-zentrierten Weltentwürfen verstanden werden können. Sie untersucht häufig spezifische ökologische und kulturelle Praktiken und wählt dabei als Ausgangspunkt ihre eigene Fremdheit. Zugleich zeichnet ihre Filme ein stetes Bewusstsein dafür aus, dass Bilder nie einfaches Abbild sind, sondern immer auch eine neue Realität entwerfen.

In Is there someting else I’ve lost?, 2011, beschäftigt sich Marhöfer mit den traditional selbstorganisierten Gemüsegärten in den Vororten der Millionenstadt Wuhan, China. Sie werden bald den rasant entstehenden Neubauten zum Opfer fallen. Der Film experimentiert auf formaler Ebene mit der (A-) Synchronität von Bild und Ton. Dadurch wird ein Augenmerk auf vermeintlich banale Aspekte wie alltägliche Gespräche zwischen Nachbarn gelenkt, sodass der rasante Wandel von Chinas Städten auf Mikroebene deutlich wird.

Die Arbeit Is there something else I've lost? (2011, 35 Min.) wurde vom 3.5.17 – 29.5.17 im IBB-Videoraum in der Berlinischen Galerie gezeigt.

Biografie

Elke Marhöfer wurde 1967 in Adenau geboren. Ihre Arbeiten wurden auf zahlreichen Ausstellungen und Festivals gezeigt, darunter die Kiev Biennale, das Kaohsiung Museum of Fine Arts, Taipei und der Badische Kunstverein Karlsruhe. Sie erhielt unter anderem von dem Swedish Research Council, dem Berliner Senat und der Akademie Schloss Solitude Stipendien. 2016 promovierte sie zum Thema Ecologies of Practices and Thinking an der Universität Göteborg. Marhöfer lebt und arbeitet aktuell in Berlin und Kyoto, Japan.

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