Virtueller Videoraum

In unserem neuen virtuellen IBB-Videoraum zeigen wir ausgewählte Video-Arbeiten aus dem aktuellen Programm und aus der Sammlung der Berlinischen Galerie. Film ab!

Ming Wong, Next Year / L’Année Prochaine / 明年, 2016
Ming Wong, Next Year / L’Année Prochaine / 明年, 2016
© Ming Wong, Courtesy carlier | gebauer, Berlin

Barbara Marcel
und Ana Hupe

„Maniok, reibe ich dir, Schwesterchen“ (Manioc, I grind you, sister),
2015 – 19, 13 Min.

„Maniok, reibe ich dir, Schwesterchen“ ist eine 2-Kanal-Videoarbeit der brasilianischen Künstlerinnen Barbara Marcel und Ana Hupe. Ein Kanal zeigt Bilder und Interviews mit lokalen Aktivistinnen und Kräuterkundlerinnen, die zwischen 2013 und 2017 im Amazonasgebiet (Santarém, Alter do Chão und in der Gemeinde Anã) aufgenommen wurden. Im zweiten Kanal werden historische und zeitgenössische Filmaufnahmen mit Begleitung eines Stücks des Musikers Thelmo Cristovam nebeneinander gestellt. Fragmente des allerersten im Amazonaswald gedrehten Films ("No Paiz das Amazonas" (Im Land des Amazonas) von Silvino Santos und Agesislau de Araújo, Manaus, Brasilien 1922) fügen sich mit Bildern heutiger Soja-Monokulturen und lokaler Politiker*innen filmisch zusammen.

Der überlieferte Prozess der Herstellung von Maniokmehl indigener Kulturen steht dabei Aufnahmen gegenüber, in denen ein "Arbeitslied der Makuschifrauen beim Maniokreiben" gesungen wird. Der Gesang der Frauen des indigenen Volksstamms der Makuschi wurde zwischen 1911 und 1913 vom deutschen Naturforscher Theodor Koch-Grünberg während einer Reise in das brasilianische und venezolanische Amazonasgebiet aufgenommen. Damit das indigene Verfahren zur Herstellung von Maniokmehl in den Caboclo-Gemeinden des Amazonasgebiets nicht in Vergessenheit gerät, fordern die Künstlerinnen mit ihrer Videoarbeit dazu auf, das phonographische Archiv des Botanischen Museums in Berlin-Dahlem aus einer dekolonialen Perspektive anzuhören.

„Maniok, reibe ich dir, Schwesterchen“ (Manioc, I grind you, sister),
2015 – 19, 43 Min.

Biografien

Barbara Marcel (*1985, Rio de Janeiro, Brasilien) ist eine brasilianische Künstlerin und Filmemacherin. Sie beschäftigt sich in ihren Werken mit historischen Auffassungen von Natur und deren Verbindungen zu kolonialen Bildwelten. Die Künstlerin promovierte über die Gattung des Essayfilms als ein historiographisches Werkzeug dekolonialer Positionen. Sie konzentriert sich explizit auf Fragen zur Geschichte und den Verbindungen zwischen Deutschland und Lateinamerika. Parallel zu ihrer Forschung arbeitet sie kontinuierlich mit anderen Künstler*innen, Forscher*innen und Aktivist*innen an Projekten über gesellschaftliche Debatten in Zeiten zunehmender Umweltkonflikte und sozialer Ungleichheiten. Marcel hat an der Bauhaus-Universität Weimar, am Institut für Kunst im Kontext der Universität der Künste in Berlin und an der Universidade Estácio de Sá in Rio de Janeiro studiert. Ihre Arbeiten wurden u.a. im ZKM, Karlsruhe; nGbK, Berlin; Savvy Contemporary Berlin; Espacio Pla, Buenos Aires; Tieranatomisches Theater, Humboldt Universität Berlin; Haus der Kulturen der Welt, Berlin; CeNak - Zoologisches Museum Hamburg; Athens Biennale und Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig gezeigt. Sie ist Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung und lebt seit 2009 in Berlin.

Ana Hupe (*1983, Rio de Janeiro, Brasilien) widmet sich der Erforschung verborgener Geschichten des Widerstands, die sie in Installationen mit mehreren Erzählungen neu schreibt. Die Installationen verstehen sich als Gegenerinnerungen zu kolonialen Archiven. Sie arbeitet in den Bereichen Video, Fotografie, Texte, Druckgrafiken und Skulpturen. Hupe promovierte an der Universidade Federal do Rio de Janeiro (2016, PPGAV – UFRJ). Einen einjährigen Auslandsaufenthalt absolvierte sie an der UdK, Berlin, unter Betreuung von Hito Steyerl. 2019 gehörte sie zu den 30 brasilianischen Künstler*innen, die für „Prêmio Marcantonio Villaça“ (MAC-USP) nominiert wurden. Sie nahm am GOLDRAUSCH Künstlerinnenprojekt, Berlin teil und erhielt das Stipendium Künstlerkontakte IFA für eine Forschungsreise nach Nigeria, wo sie eine Einzelausstellung haben wird. Ihre Arbeiten wurden u.a. im Savvy Contemporary Berlin; M Bassy, Hamburg; Haus am Kleistpark, Berlin; CCSP, São Paulo; MAM , Rio de Janeiro und São Paulo; sowie Centro Cultural Banco do Brasil Rio de Janeiro (2016); FUNDAJ, Recife (2017); und Paço das Artes, MIS, São Paulo (2017). Ana Hupe hatte zahlreiche Artist Residencies u.a. am Artista x Artista, Kuba (2019); Vila Sul Goethe Institut, Brasilien (2018); Kunstkvarteret Lofoten, Norwegen (2016); Greatmore House Art Studios, Südafrika (2016) und La Ene, Buenos Aires (2013) gezeigt.

Interviews
Luciene Santos: Aktivistin und Kräuterkundlerinnen am GECEM- Casa de Chico Mendes, PA-BR
Izilda Godinho (Piquixita): Herbalistin der Gemeinde Anã, Tapajós-Arapiuns, PA-BR
Claudete Munduruku: Aktivistin für die Rechte der Munduruku-Indianer*innen und Lehrerin an der Aldeia Sauré, Itaituba, PA-BR

Aufnahmen
Barbara Marcel und Ana Hupe

Schnitt
Barbara Marcel

Soundtrack
ContraNatura (2015) by Thelmo Cristovam
Walzenaufnahmen aus Brasilien (1911–1913). Berliner Phonogramm-Archiv Series Historische Klangdokumente – 3. Arbeitsgesänge - Gesang Beim Maniokreiben, Gruppe Makuschí

Weitere Aufnahmen
No Paiz das Amazonas (In the land of the Amazon, Manaus, 1922), von Agesilau De Araujo und Silvino Santos

Der Edison-Phonograph, von Unterberger Medien, 2014.
Auftraggeber: Helbling Verlagsgesellschaft mbH Produzent: M&P Unterberger KG.
https:// www.youtube.com/watch?v=4koqcfAzSCQ

National Museum: the neglect of history, Tv Brasil. September 2018.
https:// www.youtube.com/watch?v=lPp1oR6JrPg

Assistentin der Fertigstellung
Alice Dalgalarrondo

Transkriptionen und Untertitel
Paulina Hupe

Besonderer Dank an
Marty Hiatt, Kandyê Medina, Fabio Ribeiro, Hugus Félix, Project Saúde e Alegria, Thais Helena Medeiros, Caetano Scannavino, CEFA – Centro Experimental Floresta Ativa, The Chico Mendes Institute for Biodiversity Conservation – ICMBio, Casa Bicho, MUSA, Mulheres Sonhadoras de Anã, Rodrigo Lopes, Marisa Mello, Luciene Santos, Izilda Godinho (Piquixita), Claudete Munduruku, Alice Alfano.

Jumana
Manna

A Sketch of Manners (Alfred Roch’s Last Masquerade), 2013, 12 Min.

Ausgangspunkt für „A Sketch of Manners“ war eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Jahr 1924, die während einer jährlich stattfindenden Maskerade-Party aufgenommen wurde. Auf dieser ist der palästinensische Politiker Alfred Roch mit zahlreichen Gästen in seinem Haus zu sehen. Sie posieren für eine Gruppenaufnahme, kostümiert als Pierrots. Die bourgeoise Szenerie erinnert unweigerlich an das Berlin der 1920er Jahre. Als die palästinensische Künstlerin Jumana Manna das Bild entdeckte, war sie fasziniert von seiner Theatralität und der rätselhaften Darstellung von urbaner Modernität. Durch eine Re-Inszenierung der Fotografie schafft sie ein filmisches Tableau Vivant („lebendes Bild“), das uns einen Einblick in das mondäne Leben der palästinensischen Elite unter britischem Mandat gibt. Zusätzlich nimmt die Künstlerin eine Neuverortung des Geschehens in das Jahr 1942 vor. Durch die zeitliche Verschiebung gelingt es Manna, Palästina in ein neues Verhältnis zu den globalen Krisen dieser Zeit und ihrer Folgen zu setzen. Alfred Rochs letzte Maskerade verbildlicht unwissentlich eine Vorahnung der unsicheren Jahre, die Palästina bevorstehen.

„A Sketch of Manners“ ist der erste Teil eines Projektes namens „Imagined Cities“, das die Geschichten Jerusalems und Los Angeles als verschiedene Arten des „gelobten Landes“ verbindet.

Biografie

Jumana Manna wurde 1987 in New Jersey, USA, geboren. Sie studierte in Jerusalem, Oslo und Los Angeles und war Stipentiatin des Künstlerhaus Bethanien in Berlin. Ihre Arbeiten waren bisher unter anderem bei der 11. Sharjah-Biennale, der Sydney Biennale, der Toronto Biennale, in der Kunsthall Oslo, Norwegen, dem Kalmar Konstmuseum, Schweden, der Kunsthal Charlottenberg, Dänemark, der ifa-Galerie, Stuttgart, im Hamburger Bahnhof, Berlin, sowie auf verschiedenen Filmfestivals zu sehen. 2017 erhielt sie den ars vive Prize for Visual Arts.

Nevin
Aladağ

City Language I, 2009, 4:50 Min.

Nevin Aladağ entwirft in ihrer dreiteiligen Arbeit "City Language I-III" (2009) ein audio-visuelles Porträt der Stadt Istanbul.

In „City Language“ I werden vier traditionelle türkische Instrumente von den Elementen und Lebewesen der Stadt zum Erklingen gebracht: Ein Tambourin gleitet über das Meer; eine Nay – eine Langflöte – ertönt durch den Wind eines fahrenden Autos; eine Saz – ein Zupfinstrument – wird durch pickende Tauben zum Leben erweckt; mehrere Teile eines Windspiels rollen quer durch die Stadt eine Treppe hinab. Die Übergänge zwischen Geräusch und Musik sind dabei fließend. So entspinnt sich ein immer dichter werdender Klangteppich und es entsteht ein poetisches Bild dieser Stadt zwischen Tradition und Moderne.

City Language II, 2009, 7:31 Min.

„City Language II“ besteht insgesamt aus acht Teilen, von denen einer hier zu sehen ist. Er zeigt das konservative Istanbuler Stadtviertel Fatih, das während einer Motorradfahrt aufgenommen wurde und sich in dessen Rückspiegel reflektiert. Die direkte Wahrnehmung der Umgebung ist durch die Geschwindigkeit des Motorrads kaum möglich, das Gespiegelte hingegen ist klar zu erkennen. Angelehnt an eine in den USA und Kanada auf Rückspiegeln übliche Sicherheitswarnung („objects in the mirror are closer than they appear“) zierteren die Spiegel Passagen aus zeitgenössischen Popsongs.

Biografie

Nevin Aladağ wurde 1972 in Van, Türkei, geboren. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste München. Ihre Arbeiten waren in der Vergangenheit unter anderem im Hamburger Bahnhof, Berlin, der Schirn Kunsthalle, Frankfurt, Künstlerhaus Stuttgart, im Kunstmuseum Wolfsburg, der Malmö Konsthall (Schweden) sowie bei der 11. Sharjah Biennale, Venedig Biennale (2017) und documenta 14, Kassel, zu sehen. Aladağ lebt und arbeitet in Berlin.

Ming
Wong

Next Year / L’Année Prochaine / 明年, 2016, 17:40 Min.

Ming Wongs Videoarbeiten basieren häufig auf der künstlerischen Aneignung von Spielfilmen oder der Verwendung von popkulturellen Zitaten. Er beschäftigt sich mit deren Repräsentation von Geschlecht, Sprache und Identität und entwickelt eine Position des Dazwischen, der Uneindeutigkeit. 

In „Next Year/L’Année Prochaine/明年“ (2016, 17:40 Min.) beschäftigt sich Wong mit Alain Resnais‘ Film „L’Année dernière à Marienbad“ (1961). Die Nouvelle Vague-Ikone zeichnet sich durch eine Ambiguität in der Erzählung und eine innovative Bildsprache aus – beides Elemente, die Wong in seiner Arbeit zuspitzt. So erfährt man in „L’Année dernière à Marienbad“ nie, an welchem konkreten Ort die Handlung stattfindet – ein Umstand, den sich Wong zunutze macht, wenn er seine Version im Marienbad Café und dem Fuxing Park aufnimmt, beide in Shanghai und geprägt durch koloniale Einflüsse. Durch die Überlagerung kultureller Codes kommt es ebenso zu Irritationsmomenten wie durch Wongs Verkörperung der männlichen wie weiblichen Protagonist*innen – gewohnte Zuschreibungen werden durchbrochen.

Biografie

Ming Wong wurde 1971 in Singapur geboren. Er studierte an der Slade School of Art, London, sowie an der Nanyang Academy in Singapur. Seine Arbeiten wurden bisher unter anderem jüngst im Rahmen der Busan Biennale, Südkorea,auf der 53. Biennale Venedig, im Museum of Modern Art, Warschau, der nGbK Berlin, dem Hartware MedienKunstVerein Dortmund und dem Gropius Bau, Berlin gezeigt. 2016–2018 hatte er eine Gastprofessur an der Universität der Künste, Berlin. Ming Wong lebt und arbeitet in Berlin.

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