Virtueller Videoraum

In unserem virtuellen IBB-Videoraum zeigen wir ausgewählte Video-Arbeiten aus dem aktuellen Programm und aus der Sammlung der Berlinischen Galerie. Film ab!

Cyrill Lachauer in Zusammenarbeit mit Ari Benjamin Meyers, 32 m.ü.NHN. –114,7 m.ü.NHN. (II), video still
Cyrill Lachauer in Zusammenarbeit mit Ari Benjamin Meyers, 32 m.ü.NHN. –114,7 m.ü.NHN. (II), video still
© Cyrill Lachauer

Annika
Larsson

Blind, 2011, 22 Min.

Annika Larsson untersucht die gesellschaftlichen Mechanismen von Dominanz und Unterwerfung, Kontrolle und Machtlosigkeit. Charakteristisch für ihre Figuren ist häufig eine beunruhigende Mischung aus Narzissmus, Besessenheit, Kontrollverlust und Verletzlichkeit. Auch wenn die Protagonist*innen ihrer Videos meist Männer sind, gilt Larssons Hauptinteresse weniger den Stereotypen von Männlichkeit. Sie beschäftigt sich vielmehr mit Codes der Körpersprache und fragt, welche sozialen Machtstrukturen  dahinter liegen. Der männliche Körper wird zum Schauplatz und Bedeutungsträger für politische, sexuelle, zwischenmenschliche, feministische und queere Inhalte.

„Blind, 2011“ zeigt eine Gruppe blinder Fußballspieler*innen beim nächtlichen Training. Bilder aus verschiedenen Blickrichtungen folgen aufeinander, ohne dabei eine Vorstellung des gesamten Geschehens zu vermitteln. Indem die Künstlerin mit klassischen filmischen Erzählstrategien bricht, vermittelt das Video ein Gefühl von Unsicherheit und Beklemmung. Larsson nutzt das Fußballfeld inhaltlich als Metapher für ein gesellschaftliches Regelsystem. So besteht im Spiel innerhalb eines abgesteckten Bewegungsradius´ zunächst ein eindeutiges Verständnis, wie man sich regelkonform zu verhalten hat. Gleichzeitig entkräftet aber die Blindheit der Protagonist*innen in Larssons Setting die gängigen Vorstellungen des Möglichen: Betrachter*innen des Videos sehen eine Gruppe von Fußballspieler*innen, die alternative, nicht der Norm entsprechende Spielstrategien und dennoch eine exzellente Ballbehandlung präsentiert. Überträgt man die Gesellschaftsmetapher auf das Spielfeld, bewegen sich die Sportler*innen damit in einer Art gesellschaftlichem Parallelraum – jenseits der Norm. Der Blick und der Begriff des „Sehens“ spielen in Annika Larssons Werken immer wieder eine herausgehobene symbolische Rolle. So könnten die blinden Fußballspieler*innen als die wahren Sehenden, die Visionär*innen der Gesellschaft interpretiert werden.

Biografie

Annika Larsson (*1972 in Stockholm, Schweden) lebt und arbeitet in Berlin. Sie erhielt im Jahr 2000 den Master of Fine Arts im Royal University College of Fine Arts, Schweden. Ihre Werke wurden in namhaften internationalen Institutionen gezeigt, unter anderem im Museum für Gegenwartskunst, Basel, in der Fundacion la Caixa, Barcelona, in Le Magasin, Grenoble, in der Kunsthalle Nürnberg, am ICA-Institute of Contemporary Art, London, im ZKM, Karlsruhe, im Moderna Museet, Stockholm, im S.M.A.K., Gent und im Musac, León. Auch an der 49. Venedig Biennale, der 8. Istanbul Biennale und der 6. Shanghai Biennale hat sie teilgenommen.

Cyrill Lachauer
In Zusammenarbeit mit Ari Benjamin Meyers

32 m.ü.NHN. –114,7 m.ü.NHN. (II)

Cyrill Lachauer setzt sich in seiner Filmarbeit „32 m.ü.NHN. –114,7 m.ü.NHN. (II)“ mit der Vermessung von Landschaft und Natur auseinander. Wie in früheren Arbeiten tut er dies vor dem Hintergrund der von Europa ausgehenden Eroberungsgeschichte: Die gewaltsamen Kolonialisierungsbestrebungen der europäischen Staaten sind bis heute eng mit Vermessungsstrategien und -techniken verbunden. In „32 m.ü.NHN. –114,7 m.ü.NHN. (II)“ setzt Lachauer ein heute hoch politisch konnotiertes, visuelles Medium ein: farbiger Rauch, wie er in der Pyrotechnik und – ein wiederkehrender Bestandteil medialer Bilder – von Demonstrant*innen, Fußballfans oder Ordungshüter*innen als Mittel zur Verteidigung, Offensive und als Stimmungsmacher verwendet wird. Mit dem Rauch als „Hauptakteur“ setzt der Film, auf S16mm Positivmaterial gedreht, die Idee der Vermessung eines spezifischen Gebietes um: der Stadt Berlin.

An fünf verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Höhenlagen im Großraum Berlin zündete Lachauer Rauchpatronen, deren Färbung von orangerot über capriblau bis hellgrau reichte. Orangeroter Rauch, so die Übersetzung in die geografische Landkarte, steht für den niedrigsten Punkt, die Havelseen, während hellgrau den Großen Müggelberg markiert. Zudem verknüpfen diese Orte, in abstrahierter Form und in Höhenmeter übersetzt, die subjektive Farbauswahl mit einer wissenschaftlichen Bezeichnung (m.ü.NHN – Meter über Normalhöhennull). Der reale Ortsbezug wird nur sichtbar, wenn sich zwischen die Rauchschwaden ein Stück Himmel oder die spiegelnde Wasseroberfläche schieben.

Ungewöhnlich ist, dass der Sound einsetzt, bevor die ersten Bilder des Films auf der Projektionsfläche erscheinen. Die Verschränkung und zugleich Trennung von Bild und Ton in zwei separate Einheiten ist ein wesentlicher Verdienst der Zusammenarbeit von Ari Benjamin Meyers und Cyrill Lachauer. Ari Benjamin Meyers, der die Musik für „32 m.ü.NHN. –114,7 m.ü.NHN. (II)“ komponiert und eingespielt hat, fügt dem Film eine Soundebene hinzu, welche vor allem eines vermag: Sie verhindert, dass die scheinbar endlose Abfolge des sich verdichtenden  Rauches lediglich als schön anzusehende farbige Abstraktion wahrgenommen werden kann. So hat der Rauch bereits nach der ersten Filmminute nichts mehr mit jenen abstrakten, offenen und assoziativen Bildformeln gemein, wie man sie aus der Kunstgeschichte kennt. Lachauers abstrakte Rauchgebilde sind beinahe aggressiv und markieren nicht nur, sondern beherrschen regelrecht einen Ort, bis nichts mehr von seiner ursprünglichen Gestalt zu sehen ist.

Der Film wurde produziert mit der Unterstützung der Sammlung Goetz, München

Biografie

Cyrill Lachauer (*1979 in Rosenheim) studierte Regie, Ethnologie und Kunst in München und Berlin. 2010 schloss er sein Studium an der Universität der Künste Berlin ab. 2011 gründete er mit drei Kollegen das Künstlerlabel Flipping the Coin. Er erhielt u.a. 2008 den 3sat-Förderpreis der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, 2010 den IBB Preis für Photographie, 2014 das Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung und 2015 das Villa-Aurora-Stipendium Los Angeles.

Judith
Hopf

More, 2015, 4:30 Min.

Im Zentrum von Judith Hopfs Arbeiten stehen gesellschaftliche Strukturen und Prozesse sowie die Frage, wie sie neu interpretiert und gestaltet werden können. Mit Stilmitteln der Komik und Groteske stellt die Künstlerin bestehende Regeln auf den Kopf und regt auf spielerische, oft augen-zwinkernde Weise zum Umdenken an.

„More, 2015“ beginnt mit einer Zoom-In-Bewegung. In wenigen Sekunden durchquert der Betrachter das Universum, er folgt Hopf aus dem All in den Berliner Tiergarten und dringt bis in einen angedeuteten Mikrokosmos vor. Vor der sich hier eröffnenden Leere erscheinen Worte wie „Möglichkeiten“, „erschöpft“, „neuen“. Sie vibrieren nervös, tanzen in einer Sinuskurve auf und ab, kombinieren und vernetzen sich immer wieder neu. Aus der Matrix der angebotenen Worte drängt sich jedoch semantisch und grammatikalisch nur eine einzige logische Zusammensetzung auf: „erschöpft von den neuen Möglichkeiten“.

Hopf kreiert ein Bild für das Datennetz, in dem wir uns verfangen, im Drang nach der vollständigen Erfassung und Vermessung der Welt. Aus der digitalen Überfülle und den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten resultiert weder Zufriedenheit noch Freiheit oder ein größeres Wissen. Am Ende steht die Feststellung: „Diese Leere ist normal“ [This emptiness is normal]. Sie ist zugleich Kritik an den Grundsätzen der Informationsgesellschaft und meditative Selbstvergewisserung.
 

Biografie

Judith Hopf (*1969 in Karlsruhe) lebt und arbeitet in Berlin. Seit 2008 hat sie eine Professur an der Städelschule, Frankfurt a. M. inne. Sie war neben der dOCUMENTA 13 (2012) an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen beteiligt, u.a. 2014 an der Liverpool Biennale, 2013 im Museum für Gegenwartskunst in Basel und 2003 in der Bienal de la Habana. Sie hatte Einzelausstellungen u.a. im KW, Berlin (2018), Museion, Bozen (2016), im Grazer Kunstverein (2012), im Portikus in Frankfurt a. M. (2007) und in der Wiener Secession (2006). Ihre Arbeiten wurden zudem bei Filmfestivals, wie der Berlinale und den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen präsentiert. Judith Hopf ist Trägerin des Ruth-Baumgarte-Kunstpreises für das Jahr 2014. 

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