Virtueller Videoraum

In unserem virtuellen Videoraum zeigen wir Highlights aus dem Programm der vergangenen Jahre, punktuell ergänzt durch neue Positionen. Dabei sollen neue Perspektiven ermöglicht und bisher unentdeckte Bezüge sichtbar gemacht werden.

Gernot Wieland, Thievery and Songs, 2016
Videostill: Gernot Wieland, Dancer Sitting, Thievery and Songs, 2016
© Gernot Wieland, Courtesy the artist and Belmacz

Ab dem 1. April sind Arbeiten von Elise Florenty & Marcel Türkowsky, Gernot Wieland sowie Monira Al Qadiri zu sehen, die ausgehend vom Privaten wie beiläufig den Zustand einer Gesellschaft skizzieren. Ob Kindheitserinnerungen oder Material aus einem privaten Archiv: Das kritische Potenzial von Nähe wird genutzt, um bestehende Ordnungen zu hinterfragen und bekannte Narrative zu unterlaufen.

Elise Florenty &
Marcel Türkowsky

Conversation with a Cactus, 2017

In den Filmen von Elise Florenty & Marcel Türkowsky werden Fakten mit Mythen, Fabeln und Utopien verwoben. Ihre Arbeiten untersuchen die Pluralität des Seins, besonders im Hinblick auf die sich stets wandelnden Machtbeziehungen zu dem „Anderen“, beispielsweise Tieren, Pflanzen, Geistern oder Toten.

In „Conversation with a Cactus“ [dt. Gespräch mit einem Kaktus] beschäftigen sie sich mit dem sogenannten Hashimoto-Experiment: In den 1970er Jahren bemühte sich Ken Hashimoto – Manager bei Fuji Electric und Erfinder der Neonreklame-Technologie – gemeinsam mit seiner Frau Washu, Pflanzen zum Sprechen zu verhelfen. Dafür schlossen sie unter anderem einen Kaktus an einen umgebauten Lügendetektor an und wandelten elektromagnetische Schwingungen in Sound um. Perspektivisch sollten Pflanzen so sogar als Zeug*innen für Verbrechen gewonnen werden.

Elise Florenty & Marcel Türkowsky war es als ersten Europäer*innen möglich, das Archiv Hashimotos zu sichten. In ihrem Film verweben sie dabei gewonnene Informationen mit historischen Medienberichten und fiktionalen Elementen. Eingebettet in eine Rahmenerzählung, die den Umgang der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft mit der Nuklearkatastrophe von Fukushima thematisiert, fragt der Film nach den Möglichkeiten eines Lebens jenseits von anthropozentrischen Weltentwürfen, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Wenn wir eine junge Japanerin dabei beobachten, wie sie sich bemüht, einem Kaktus Japanisch beizubringen und dabei besonderes Augenmerk auf ein Vokabular zur Beschreibung von (Nuklear-) Katastrophen legt, ist dies nicht nur eine Referenz an das berühmte Video „Teaching a Plant the Alphabet“ (1972) des Künstlers John Baldessari. Es kann in Anbetracht mangelnder Informationspolitik durch die japanische Regierung auch als Möglichkeit einer unerwarteten Kompliz*innenschaft verstanden werden.

Der Film changiert zwischen unterschiedlichen Zeit- und Realitätsebenen, Orten und Perspektiven, stets unterlegt von einem abstrakt-atmosphärischen Klangteppich. Die traumartige Stimmung, welche den Film prägt, unterstreicht den fließenden Übergang zwischen überlieferten Fakten und Mythen, medial inszenierter Sensationslust und hoffnungsvollem Glaube an die Utopie.

Biografie

Elise Florenty & Marcel Türkowsky sind ein französisch-deutsches Künstler*innen- und Filmemacher*innen-Duo und arbeiten seit 2009 zusammen. Ihre Arbeiten waren unter u.a. im MoMA (Doc Fortnight) New York, Palais de Toyko, Centre Pompidou, Paris, n.b.k., HdKW, Berlin, MAMCO, Genf; CCCB Barcelona; Muzeum Sztuki, Lodz; Museu da Repùblika, Rio de Janeiro und Kasseler DokFest zu sehen. Sie wurden 2017 für „Conversation with a Cactus“ mit dem EMAF Award ausgezeichnet. Ihre neuesten Mittelangfilme „Back to 2069“ (2019) und „Don´t Rush“ (2020) wurden bei den Filmfestivals Cinéma du réel, La cabina und Transcinema preisgekrönt. Elise Florenty & Marcel Türkowsky leben und arbeiten in Berlin.

Monira
Al Qadiri

The Craft, 2017

Monira Al Qadiri arbeitet in den Medien Video, Skulptur und Performance. Ein Hauptfokus ihrer Arbeiten liegt auf den sozio-kulturellen Auswirkungen der Ölindustrie sowie deren Geschichte und Zukunft. Darüber hinaus beschäftigt sie sich häufig mit Fragen nach (Gender-)Identität. Oftmals entwickelt sie ihre Werke aus autobiografischen Erfahrungen, die sie u.a. im Kuwait der 1980er Jahre gemacht hat.

„The Craft“ beginnt mit Aufnahmen einer Autofahrt durch Dakar aus dem Jahr 1982 – ein Film aus dem Familienarchiv, dessen idyllisch-traumartig anmutenden Bilder konterkariert werden durch die nüchterne Feststellung der Sprecherin: „Everything is not as it seems“ [„Nicht alles ist so, wie es zu sein scheint.“]. 

Die damit artikulierte Grundstimmung des Misstrauens zieht sich durch den ganzen Film. Erzählt wird von der Kindheit der Künstlerin in Senegal, wo ihr Vater Diplomat der kuwaitischen Botschaft ist. Nach und nach beginnen Al Qadiri und ihre Schwester immer mehr ihren Alltag zu hinterfragen, bis es zu einer spektakulären Entdeckung kommt: Die Botschaft dient als Kommandozentrale für Außerirdische, die Eltern stecken mit ihnen unter einer Decke.

Private VHS-Aufnahmen wechseln sich ab mit Kinderzeichnungen und Familienfotos und erzählen von den zunehmenden Spekulationen der Schwestern, die schließlich sämtliche Konstanten im Leben der Kinder betreffen: Ob modernistische Bauten, von Amerika beeinflusste Popkultur und Fast Food oder Krieg und Frieden: Alles wird in Frage gestellt und neu gelesen – selbst der Zweite Golfkrieg wird als Invasion von Aliens wahrgenommen. 

Al Qadiris Arbeit macht deutlich, wie nah Utopie und Paranoia beieinanderliegen und kann nicht nur als Abgesang auf das „Amerikanische Jahrhundert“, sondern auch als Kommentar zu den aktuell kursierenden Verschwörungstheorien verstanden werden.

Biografie

Monira Al Qadiri ist eine kuwaitische Künstlerin, die 1983 im Senegal geboren wurde. 2010 promovierte sie an der Tokyo University of the Arts zur Ästhetik der Traurigkeit im Nahen Osten in Literatur, Musik, Kunst und religiösen Praktiken. Ihre Arbeiten untersuchen unkonventionelle Gender-Identitäten, Petro-Kulturen und ihre möglichen Zukünfte sowie das Vermächtnis von Korruption. Ihre Arbeiten waren u.a. im Haus der Kunst, München, Kunstverein Göttingen, Gasworks, London, Palais de Tokyo, Paris und MoMA PS1, New York, zu sehen. Sie lebt in Berlin.

Gernot
Wieland

Thievery and Songs, 2016

Gernot Wielands künstlerische Praxis konzentriert sich in den letzten Jahren vor allem auf die Bereiche Video und Lecture Performance. In seinen Arbeiten verbindet er oft historische Ereignisse mit scheinbar persönlichen Erinnerungen, wobei Fakt und Fiktion ineinander übergehen.

„Thievery and Songs“ [dt. Diebstahl und Gesänge] besteht aus mehreren ineinander verschachtelten Erzählsträngen, die sich einer Hierarchisierung entziehen. Ein weitgehend emotionsloser Erzähler berichtet von dem Verlauf seiner psychoanalytischen Sitzung, bei der sich der Therapeut eher durch seine Obsession für die österreichische Herkunft seines Patienten als durch fachliche Kompetenz auszeichnet. Er beschreibt die erschütternde Geschichte seiner Großtante, die in den 1930er Jahren als Leibeigene eines nationalsozialistisch gesinnten Landwirts dessen Willkür ausgesetzt war. Seine Ausführungen zeigen Parallelen zwischen der österreichischen Nachkriegskunst und dem Katholizismus auf und sind in eine Rahmenerzählung um eine jüdische Tänzerin eingebettet, die 1938 nach Mumbai fliehen musste. Neben selbstgedrehten Performances sind adaptierte Fotos, Knetmodelle und Zeichnungen zu sehen, die das Gehörte zum Teil visualisieren, zum Teil auf absurde Weise brechen. Außer einer Reflexion über Österreich erlaubt der Film so auch eine Auseinandersetzung mit grundsätzlicheren Fragen nach Erinnerung, Geschichtsschreibung und Identitätsbildung. Er ist geprägt von einem leisen Witz, der stets nah an der Melancholie liegt.

Biografie

Gernot Wieland wurde 1968 in Horn (Österreich) geboren. Er studierte an der Universität der Künste, Berlin, und der Akademie der bildenden Künste, Wien. Seine Filme waren u.a. auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam, im Salzburger Kunstverein, in der Kunst Halle Sankt Gallen, im Kunsthaus Graz, im Künstlerhaus Bremen und auf der Videonale zu sehen. Wieland erhielt neben verschiedenen anderen Auszeichnungen den EMAF Medienkunstpreis 2019 der Deutschen Filmkritik. Er lebt in Berlin.

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